Bauen wir gerade in Licht­geschwindig­keit die Zukunft des nächsten Jahrzehnts?

Thomas HelbingEin Kommentar von unserem CEO Thomas Helbing. Erschienen auf LinkedIn am 16.04.2020.
 

Fasziniert und mit großer Bewunderung beobachtete ich, wie sich in Echtzeit die neue Zukunft für uns alle manifestiert. Bisher zarte Tendenzen entwickeln sich binnen Tagen zu alternativlosen Realitäten. Vermeintliche Sicherheiten zerbröseln vor unseren Augen. Dinge, die noch vor Wochen unvorstellbar waren, passieren genau jetzt. Diese Zukunft kommt nicht auf leisen Sohlen, sie hat den Fuß in der Tür und lässt sich nicht abwimmeln. Wir können diese neue Zeit entweder aktiv mitgestalten - oder wir werden von ihr gestaltet. Denn in Schockstarre geht nicht nur nichts vorwärts, man bietet auch agilen Wettbewerbern ein gutes Ziel. Gerade in anspruchsvollen Gewässern sollte deshalb die Hand des Steuermanns nicht verkrampfen. Mein ganz persönlicher Ansatz ist "If you can't fight it, embrace it". Denn nur wenn man sich voll und ganz auf die neuen Realitäten einlässt, wird man zu den Gewinnern von morgen gehören. Hier die für mich wichtigsten Erfolgsfaktoren der Gegenwart. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und als Einladung zur Diskussion.  

Nachhaltige Bindungen entstehen jetzt 

Unter dem Brennglas der Krise wird deutlich, wem ich wirklich vertrauen kann und wer mich im Zweifel im Regen stehen lässt. Als Kunde, als Lieferant, als Arbeitnehmer, als Geschäftspartner. Diese Erfahrungen werden für lange Zeit prägend sein. 

Jetzt werden Kunden gebunden  

Wenn ein Unternehmen auch unter extrem verschärften Rahmenbedingungen die eigenen Werte noch aktiv lebt, dann wirkt das besonders tief und nachhaltig. Denn Kunden sehnen sich gerade jetzt nach Hilfestellung. Nach Kommunikation. Nach Orientierung. Nicht von oben herab, sondern vom Freund aus demselben Boot. Wer sich kümmert, Nähe zulässt, auf Augenhöhe kommuniziert, der schafft jetzt Kundenbindung fürs Leben. 

Kraft aus der Kooperation 

Der einsame Wolf ist in der neuen Wirtschaft ein Auslaufmodell. Langfristig gewinnt das arbeitsteilige Rudel. Gegenseitiges Vertrauen und enge Kooperation sind deshalb erfolgskritisch. Das eigene Team wird zur eingeschworenen Zweitfamilie. Unternehmen bilden Netzwerke auf allen Ebenen, von lokal bis global. Wettbewerber arbeiten in Teilbereichen vertrauensvoll zusammen. Aus diesem neuen Geist der Coopetition entstehen ganz neue Machtzentren. Wer nicht in Beziehungen denkt und arbeitet, der sieht heute alt aus - und ist morgen ausgestorben.  

Jetzt werden Mitarbeiter gebunden - und gefunden 

Kümmert sich mein Chef um mich oder taucht er ab? Kommuniziert er klar oder lässt er mich im Ungewissen? Aber auch die umgekehrte Perspektive gilt: Wer reißt sich von zu Hause aus den Allerwertesten auf, anstatt pünktlich Netflix anzuwerfen? Wer sichert durch guten IT-Support mein Home-Office? Und wer reinigt und desinfiziert weiter mit stoischer Hingabe meinen Arbeitsplatz? Gerade zeigt sich die Krisenfestigkeit des Wertegerüsts von Unternehmen und Führungskräften. Mit entsprechenden Konsequenzen für die nahe Zukunft: neue Nähe entsteht, alte Loyalitäten werden hinterfragt. Denn niemand will für Schönwetterkapitäne arbeiten, die sich bei Sturm schnell in die warme Kabine zurückziehen. 

Akzeptanzexplosion neuer Wege 

Die Zeit ist reif, es riecht förmlich nach einer neuen Ära. Denn wo das Etablierte, Vertraute nicht mehr funktioniert, da tun sich auch bisher nicht dagewesene Möglichkeiten und Freiräume auf. Wer diese sich jetzt öffnenden Nischen besetzt, der wird dankbare und treue Kunden finden.  

Vertrauen statt Kontrolle 

Immer erst nach dem Chef nach Hause gehen ist vorbei. In der Welt des selbstbestimmten Arbeitens, in der Ära von Agilität und Home-Office ist ein kontrollbasierter Führungsstil und eine Kultur des Misstrauens gegenüber den eigenen Mitarbeitern ein deutlicher Wettbewerbsnachteil. Denn wer sich einmal an eigenverantwortliches Arbeiten gewöhnt hat, der will nicht zurück zu den alten Zeiten. Allerhöchste Zeit also, sich mit Methoden wie OKR auseinanderzusetzen. 

Regional ist das neue Richtig 

Die regionale Herkunft von Lieferanten, Produkten und Dienstleistungen wird für viele Kunden dauerhaft wichtig bleiben. Trotz höherer Preise und komplizierterer Bestellprozesse. Allein um nicht wieder in alternativlose Abhängigkeiten zu geraten. Aber auch aus einem neuen Selbstverständnis und Selbstbewusstsein heraus: Wir Europäer gestalten unsere Zukunft zusammen. Zur Not auch ohne One-Click-Bestellung. 

Mein Freund der Roboter  

Der Wunsch nach einer sicheren Weiterführung von Prozessen auch in kritischen Situationen befeuert die Akzeptanz von Automatisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Sei es der Chatbot im Support, der Ernteroboter in der Landwirtschaft oder die Paketsortierung im Lager - der Trend ist nicht aufzuhalten. Gute Führung stellt sicher, dass nicht nur die Kunden, sondern auch die Mitarbeiter davon profitieren und sich anspruchsvolleren Aufgaben widmen können. 

Keine Zukunft ohne Digitalisierung 

Die Krise zeigt: Digitalisierung ist sowohl Risikovorsorge als auch die Basis für den Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Die Strategie des Aussitzens aber ist schwer erkrankt, mit sehr schlechter Prognose.  

Digital ist das neue Normal 

Eigentlich offensichtlich, aber immer noch nicht bei jedem angekommen: Digitale Produkte und Services sind zum Hygienefaktor geworden. Für die allermeisten Unternehmen gibt es kein Zurück in eine rein analoge Welt. Und der kleine Webshop nebenbei tut es auch nicht mehr. Die Diskussion um ein Für und Wider von Multichannel ist spätestens seit Corona vorbei. Wer hier nicht performt wird vom Kunden mitleidlos ausgewechselt. 

Neue Geschäftsmodelle entstehen jetzt

Die Welt braucht mehr denn je kreative Lösungen für alte und neue Probleme. Und wie immer bei großen Umwälzungen dieser Art wird das Glück mit den Mutigen, den Wandlungsfähigen, den kreativen Antreibern, den Erfindern sein. Wer aber verzagt, der wird dabei zusehen müssen wie die neuen digitalen Felle verteilt und seine heiligen Kühe geschlachtet werden. 

Strukturen und Prozesse werden infrage gestellt 

Viele Führungskräfte nutzen den aktuellen Stresstest dazu, ihren organisatorischen Status quo kritisch zu hinterfragen: Tun die richtigen Leute noch die richtigen Dinge? Wie kann ich flexibler und beweglicher werden als meine Wettbewerber? Wo vergeude ich mit automatisierbaren Abläufen nicht nur wertvolle Zeit, sondern dazu Kunden und Mitarbeiter? Ein kleiner Trost: Wenn man alle wesentlichen Managementaufgaben weitgehend aus dem Home-Office erledigen kann, dann ist ein erster erfolgreicher Schritt getan. 

Digitale Weiterbildung boomt 

Softwareentwickler gehören zu den Gewinnern dieser Krise: Entweder sie sind weiter gut beschäftigt oder sie können die freie Zeit dazu nutzen, sich weiterzubilden. Kaum eine andere Berufsgruppe macht das mit mehr Effizienz und Selbstverständlichkeit. Und in der Regel sehr digital, vom kostenlosen YouTube Video bis zur teuren Master Class. Allerspätestens jetzt muss auch für alle anderen Gewerke regelmäßige digitale Weiterbildung zum Mantra werden. Denn wo Ansprüche der Kunden steigen, bisher Bewährtes im Minutentakt entschwindet und das eigene Wissen nur noch eine Halbwertszeit von Monaten hat, sollte sich niemand auf vergilbten Lorbeeren aus dem letzten Jahrzehnt ausruhen.  

Mein Fazit zu alledem: Wenn wir nicht selbst im Sinne Schumpeters die aktuelle Zerstörung schöpferisch nutzen, wer dann? Know-how, Methoden, Prozesse und Risikokapital stehen zur Verfügung. Agieren wir furchtlos - aber im Gegensatz zu den alten Zeiten koordiniert und ohne unüberlegte Alleingänge. Challenge accepted!

Ansprechpartner: Lena Klupp
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